Samstag, 22. August 2026

Menschenrechte: Was die stille Diplomatie der Schweiz bewirken

Die Schweiz setzt bei Menschenrechten häufig auf vertrauliche Gespräche statt auf öffentliche Konfrontation. Simbabwe zeigt, dass diese Strategie Wirkung entfalten kann. In Sri Lanka dagegen ist der Weg zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs noch lang.

Von Suthakaran Ganapathipillai

Am 19. August 2026 diskutierten im Polit-Forum Bern vier Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten über die neuen Leitlinien Menschenrechte 2026–2029 des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Nach einem Input von Tim Enderlin, Chef der Abteilung Frieden und Menschenrechte des EDA, berichteten Christine Honegger über Belarus, Raphael Nägeli über seine Arbeit bei der OSZE und internationalen Organisationen in Wien, Stéphane Rey über Simbabwe und Siri Walt über Sri Lanka.

Die zentrale Frage des Abends ging über diplomatische Einzelbeispiele hinaus: Was kann ein kleines Land wie die Schweiz tatsächlich für die Menschenrechte bewirken?

Die Schweiz bevorzugt den Dialog hinter verschlossenen Türen

Die Bundesverfassung verpflichtet die Schweiz, sich international für Menschenrechte einzusetzen. Die neuen Leitlinien definieren dazu sechs Schwerpunkte: Meinungsäusserungsfreiheit, Todesstrafe, Folter, Minderheiten, Frauenrechte sowie Wirtschaft und Nachhaltigkeit.

Neu kommt die Digitalisierung als Querschnittsthema hinzu.

Enderlin machte aber auch deutlich, dass Menschenrechtsdiplomatie aus Sicht des EDA nicht mit möglichst lauter öffentlicher Kritik gleichzusetzen ist.

Die Schweiz setzt häufig auf bilaterale Gespräche, Vertraulichkeit und langfristige Beziehungen. Sie versucht, Gesprächskanäle zu Regierungen offenzuhalten, selbst wenn deren Menschenrechtspolitik fundamental von den Schweizer Vorstellungen abweicht.

Dieser Ansatz hat Vorteile. Wer Zugang zu Entscheidungsträgern behält, kann Fragen ansprechen, die über öffentliche Erklärungen kaum lösbar wären.

Er birgt aber auch ein Risiko: Wo endet sinnvolle Diskretion und wo beginnt zu grosse Zurückhaltung?

Simbabwe: Fast zehn Jahre Arbeit für ein konkretes Resultat

Ein bemerkenswertes Beispiel für die Möglichkeiten dieser stillen Diplomatie lieferte der ehemalige Schweizer Botschafter in Simbabwe, Stéphane Rey.

Simbabwe schaffte die Todesstrafe ab.

Dem politischen Entscheid ging laut den Ausführungen am Podium fast ein Jahrzehnt schweizerischer Arbeit voraus. Die Schweiz führte Gespräche mit staatlichen Stellen und der Zivilgesellschaft und half bei Konsultationen in den Provinzen.

Rey beschrieb einen Prozess, bei dem nicht einfach eine europäische Forderung nach Afrika exportiert werden sollte.

In den Diskussionen ging es auch um das koloniale Erbe der Todesstrafe und um die afrikanische Ubuntu-Philosophie – also um die Frage, ob die staatliche Tötung eines Menschen überhaupt mit lokalen gesellschaftlichen Wertvorstellungen vereinbar sei.

Schliesslich bewegte sich die politische Diskussion.

Der Justizminister lud zu weiteren Konsultationen ein. Wenige Monate später war die Vorlage im Parlament.

Für die Schweiz war dies ein ungewöhnlich sichtbares Resultat einer Diplomatie, deren Wirkung normalerweise schwer messbar ist.

Diplomatie funktioniert nicht immer nur leise

Interessant war deshalb eine zweite Schilderung Reys.

In einem Fall ging es um inhaftierte Personen. Die Schweizer Seite machte den Behörden deutlich, dass der Fall andernfalls im UNO-Menschenrechtsrat thematisiert werden könnte.

Nach Reys Darstellung waren die Betroffenen acht Stunden später frei.

Natürlich lässt sich auch daraus keine allgemeine Methode ableiten. Würde eine Botschaft bei jedem Konflikt mit öffentlicher Eskalation drohen, wäre der über Jahre aufgebaute Zugang rasch verspielt.

Das Beispiel zeigt jedoch ein Grundproblem der Menschenrechtsdiplomatie: Vertraulicher Dialog funktioniert nur, wenn die andere Seite weiss, dass irgendwann auch eine Grenze erreicht ist.

Sri Lanka: Der schwierigere Fall

Für mich persönlich war der Beitrag von Siri Walt, die nach rund vier Jahren ihre Tätigkeit als Schweizer Botschafterin in Sri Lanka beendet, besonders interessant.

Ich hatte Siri Walt bereits zuvor in Sri Lanka kennengelernt. Anlass war das Jubiläum 70 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Schweiz und Sri Lanka und das Projekt «70 Years | 70 Faces», bei dem Menschen vorgestellt wurden, die auf unterschiedliche Weise Verbindungen zwischen beiden Ländern geschaffen haben.

Die Diskussion in Bern zeigte jedoch eine andere Seite dieser bilateralen Beziehung: die weiterhin ungelösten Folgen des Bürgerkriegs.Der Krieg in Sri Lanka wurde 2009 militärisch beendet.

Doch ein militärischer Sieg beendet nicht automatisch die politischen und gesellschaftlichen Ursachen eines Konflikts.

Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung

Walt nannte vier Elemente eines Versöhnungsprozesses.

Das erste sei die Wahrheitsfindung: Was ist tatsächlich geschehen?

Das zweite sei die Gerechtigkeit: Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Wahrheit?

Das dritte sei die Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht.

Und schliesslich gehe es darum, eine Wiederholung zu verhindern.

Gerade der letzte Punkt führt weit über die Vergangenheit hinaus.

Wenn verhindert werden soll, dass Konflikte erneut entstehen, muss über staatliche Institutionen, Demokratie, politische Beteiligung und das Verhältnis zwischen Zentralstaat und Regionen gesprochen werden.

Damit wird die Aufarbeitung des Bürgerkriegs zwangsläufig zu einer Frage über die zukünftige politische Ordnung Sri Lankas.

Die Familien der Verschwundenen

Besonders eindrücklich waren Walts Aussagen über die «Families of the Disappeared».

Dabei handelt es sich vielfach um Frauen, deren Männer oder Söhne während des Konflikts verschwanden.

Walt sagte, die Begegnungen mit diesen Familien hätten zu den eindrücklichsten Erfahrungen ihrer vierjährigen Amtszeit gehört.

Die Schweiz arbeitet deshalb nicht nur mit der Regierung, sondern auch mit der Zivilgesellschaft und mit Betroffenen.

Das ist wichtig.

Denn ein Versöhnungsprozess, der hauptsächlich zwischen Regierungen, Diplomaten und internationalen Organisationen stattfindet, läuft Gefahr, genau jene Menschen aus dem Blick zu verlieren, um die es eigentlich geht.

Andererseits stellte Walt ebenfalls klar: Ohne die Regierung wird es keine politischen Fortschritte geben.

Darin liegt das Dilemma.

Die Schweiz muss mit staatlichen Institutionen zusammenarbeiten und gleichzeitig denjenigen zuhören, die staatliches Handeln kritisieren oder selbst Opfer davon geworden sind.

Was kann die Schweiz überhaupt beitragen?

Nach dem Regierungswechsel in Sri Lanka 2024 nahm die Schweiz den Dialog mit der neuen Regierung wieder verstärkt auf.

Eine Delegation mit Regierungsvertretern und Vertretern tamilischer Parteien wurde in die Schweiz eingeladen.

Dabei ging es unter anderem um das schweizerische politische System, Föderalismus und Dezentralisierung.

Man sollte daraus keine falschen Schlüsse ziehen.

Das Schweizer Modell lässt sich nicht nach Sri Lanka exportieren. Die historischen, ethnischen, religiösen und institutionellen Voraussetzungen sind völlig unterschiedlich.

Interessant ist jedoch die dahinterstehende Frage: Wie viel politische Mitsprache und regionale Selbstbestimmung braucht ein Staat, damit unterschiedliche Gemeinschaften dauerhaft Vertrauen in seine Institutionen entwickeln?

Diese Frage ist in Sri Lanka auch mehr als 17 Jahre nach dem Ende des Krieges nicht erledigt.

Zuhören ist noch keine Lösung – aber eine Voraussetzung

An der Veranstaltung fiel ein Wort auffallend häufig: zuhören.

Schweizer Diplomaten müssten zunächst verstehen, wie ihre Gesprächspartner eine Situation wahrnehmen, bevor sie Forderungen formulieren.

Das klingt selbstverständlich.

In der internationalen Politik ist es das keineswegs.

Gerade Menschenrechte werden von manchen Regierungen als Instrument westlicher Einflussnahme dargestellt. Wer in einem solchen Umfeld nur mit fertigen Forderungen auftritt, riskiert, dass das Gespräch beendet ist, bevor es begonnen hat.

Doch auch hier bleibt eine Grenze.

Zuhören darf nicht bedeuten, Menschenrechtsverletzungen zu relativieren. Kulturelle oder geopolitische Unterschiede können erklären, weshalb Regierungen unterschiedlich handeln. Sie können aber nicht jede Handlung rechtfertigen.

Was Simbabwe für Sri Lanka lehrt

Die beiden Beispiele lassen sich nicht direkt vergleichen.

Aber sie zeigen zwei unterschiedliche Stadien langfristiger Menschenrechtsdiplomatie.

In Simbabwe wurde nach jahrelanger Arbeit ein konkretes Resultat sichtbar: die Abschaffung der Todesstrafe.

In Sri Lanka dagegen ist der Prozess der Aufarbeitung und Versöhnung weiterhin offen.

Das sollte weder überraschen noch als Argument für Untätigkeit dienen.

Menschenrechtsdiplomatie arbeitet häufig in Zeiträumen, die weit über die vierjährige Amtszeit eines Botschafters hinausreichen.

Eine Diplomatin übernimmt einen Prozess von ihrer Vorgängerin, führt ihn einige Jahre weiter und übergibt ihn anschliessend der nächsten Person.

70 Jahre Beziehungen – und die schwierigen Fragen bleiben

Das Jubiläum von 70 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen der Schweiz und Sri Lanka bietet Gelegenheit, auf vieles zurückzublicken, was beide Länder miteinander verbindet.

Doch gute Beziehungen beweisen ihren Wert nicht nur bei Jubiläumsveranstaltungen.

Sie müssen es gerade dann tun, wenn schwierige Fragen angesprochen werden.

Die Schweiz kann Sri Lanka nicht vorschreiben, wie es seine Vergangenheit aufarbeiten soll. Die Verantwortung liegt bei Sri Lanka selbst.

Aber die Schweiz kann ihre langjährigen Beziehungen nutzen, damit Fragen nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und politischer Teilhabe nicht von der Tagesordnung verschwinden.

Simbabwes Beispiel zeigt, dass ein solcher langer Atem irgendwann konkrete Resultate bringen kann.

Ob dies auch beim Versöhnungsprozess in Sri Lanka gelingt, ist offen.

Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen.

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